Über die Zeitschrift "Der Wahre Jacob"

"Der Wahre Jacob" wurde ursprünglich 1879 in Hamburg als Monatsschrift gegründet. Erklärtes Ziel war der Kampf „gegen Monarchie und Mammonismus“ und, wenn auch unausgesprochen, Subversion gegen Bismarck und die Sozialistengesetzgebung, die mit jeglicher oppositionellen Agitation auch die Verbreitung sozialistischer Druckschriften unterband. Erster Redakteur war der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Wilhelm Blos. Die Zeitschrift kann sich gegen Zensur und Obrigkeit zunächst nicht durchsetzen und muss nach zehn Nummern wieder eingestellt werden.

Ihren endgültigen Erscheinungsbeginn datiert die Zeitschrift auf das Jahr 1884 mit einer Neugründung in Stuttgart, die wiederum unter Blos’ Leitung steht, mit regelmäßig monatlicher Erscheinungsweise im Dietz-Verlag. Die Aufmachung ist zunächst sehr einfach gehalten, einfarbig und eher konservativ im Layout, dennoch stellt sich bald wirtschaftlicher Erfolg ein, ab August 1888 wird das Blatt 14-tägig gedruckt und in den 90er Jahren wird die Aufmachung deutlich opulenter.


Mit dem Fall der Sozialistengesetze und der allmählichen Konsolidierung der Arbeiterbewegung - etwa nach der Reichstagswahl von 1890 - wird das Blatt zu einem politisch einflussreichen Faktor. Im Ersten Weltkrieg wird Der Wahre Jacob wie alle politischen Satirezeitschriften auf die „Burgfriedenspolitik“ eingestimmt, er findet jedoch bald wieder in seine angestammte politisch oppositionelle Linie zurück. Auf dem Höhepunkt der Inflationszeit verliert die Zeitschrift ihre wirtschaftliche Grundlage und muss ihr Erscheinen von 1924 bis 1927 einstellen, sie existiert aber faktisch im Zeitschriftenmantel von Lachen Links weiter. Bei wöchentlichem Erscheinen werden von den identischen Stammbeiträgern die gleichen Themen mit gleicher Tendenz behandelt, und ab 1927 erscheint sie wiederum unter ihrem angestammten Titel.

Da es sich bei der Umfirmierung eher um eine Episode als um eine strukturelle Wandlung handelt, ist die gesonderte Behandlung von Lachen Links hier nicht vorgesehen. Entsprechend seiner politischen Ausrichtung betreibt Der Wahre Jacob von Anbeginn an eine radikale Opposition zum Nationalsozialismus, vorbehaltlos und mit allen Mitteln der politischen Satire werden die Protagonisten der Bewegung namhaft gemacht und bekämpft. Ihre mutige Haltung erspart der Zeitschrift schließlich die ideologische Gleichschaltung, wie sie Simplicissimus und Jugend erfahren mussten: Der Wahre Jacob wird 1933 kommentarlos eingestellt.

Verglichen mit den zahlreichen bürgerlichen Satirezeitschriften des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist die Aufmachung des Wahren Jacob deutlich einfacher. Die Drucktechnik ist kostenschonend, der Zeichenstil konservativ und an frühen französischen Vorbildern orientiert, auch wenn das gestalterische Vorbild des Simplicissimus in den späteren Ausgaben häufig durchscheint.

Die Liste der Beiträger führt viele bis heute prominente Namen wie Willibald Krain, Karl Holtz, Gabriel Galantara, Erich Mühsam, Arno Holz, Viktor Adler, Roda Roda oder Franz Mehring. Seine Leserschaft findet er in den Kreisen der Arbeiterschaft und des Kleinbürgertums. Die Zeitschrift ist dezidiert parteilich, doch unterscheidet sie sich im Ton deutlich von den Agitations­blättern, wie sie die Kommunistische Partei in dieser Zeit unterhält (zum Beispiel die Arbeiter-Illustrierten-Zeitung). Die Bezeichnung "Propagandablatt", wie sie in einem namhaften Online-Lexikon zu finden ist, beruht wahrscheinlich auf nur kursorischer Lektüre der Zeitschrift. Ihre politischen Themen sucht sie in den gleichen politischen und sozialen Gegenstandsbereichen wie Simplicissimus und Jugend, allerdings fokussiert sie dabei die Interessen der Arbeiterbewegung und Themen der sich entwickelnden Sozialdemokratie.

Zeitschriftengeschichtlich ist der Wahre Jacob ein unersetzliches Dokument, weil sein Engagement gegen den aufkeimenden Nationalsozialismus in seiner Schärfe dem "Simplicissimus" in nichts nachsteht. Der sozialistische Wahre Jacob wird in den bürgerlich „besseren Kreisen“ des Deutschen Reiches mit Distanz wahrgenommen, dennoch erreicht er eine erhebliche Verbreitung, selbst verglichen mit Simplicissimus und Jugend. Es dürfte sich bei aller gebotenen Skepsis gegenüber offiziellen Auflagenangaben um die wahrscheinlich auflagenstärkste politische Satirezeitschrift ihrer Zeit handeln. Udo Achten beziffert die Auflagenhöhe bis 1914 auf 366.000 und damit auf fast das Vierfache des Simplicissimus. (Achten 1994 S. 8, 18.) 

HZ

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